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Im Interview: Prof. Dr. Sören Auer

100 Tage als Direktor der TIB

Die TIB hat seit Anfang Juli 2017 einen neuen Direktor: In unserem Interview erfahren Sie mehr über Prof. Dr. Sören Auer, seine Forschungsschwerpunkte und seine Ideen für die Zukunft der Bibliothek

Die ersten 100 Tage an der TIB sind um. Wie geht es Ihnen als Direktor der TIB?

Die ersten Tage waren sehr interessant und ich habe viel Neues gelernt und viele interessante Menschen kennengelernt.

Mir geht es sehr gut, ich habe mich gut eingelebt und freue mich sehr, eine so spannende und vielseitige Organisation wie die TIB leiten zu dürfen. Auch in Hannover bin ich sehr gut angekommen. Ich habe unsere verschiedenen Standorte besucht und bei diversen Gelegenheiten auch schon einige schöne Ecken von Hannover kennengelernt. Mir gefällt, dass trotz kleinerer Schwierigkeiten die verschiedenen Akteure wie zum Beispiel Universität, Ministerium und wir als TIB doch im Großen und Ganzen sehr gut Hand in Hand arbeiten.

Was hat sich seit Juli grundlegend für Sie geändert?

Im Moment habe ich wenig Zeit für die Forschung, da mich der Einstieg, die Evaluierungsvorbereitung, der Transfer von Projekten sowie Mitarbeitenden und so weiter sehr fordern. Ich hoffe, dass ich Anfang nächsten Jahres wieder etwas mehr Zeit habe, auch einige Forschungsthemen aktiv voranzutreiben. Eine weitere aufregende Veränderung ist der Einstieg in die Welt der Bibliotheken und Informationszentren, wo ich bei verschiedenen Veranstaltungen und Treffen andere Sichtweisen und Themen kennenlernen konnte. Ich hoffe, dass ich meine Forschungsthemen Wissensgraphen und Linked Data – aber auch die Erfahrungen, die ich bei Fraunhofer und anderen Stationen gesammelt habe – mit der neuen Bibliotheksperspektive in eine produktive Synthese für die TIB einbringen kann.

Wenn Sie auf diese ersten 100 Tage zurückblicken: Welches Thema war das Wichtigste?

Das zentrale Thema ist natürlich die Evaluierung im Februar 2018, die wir gut vorbereiten müssen und wo neben vielen Dokumenten auch Gespräche mit unseren Gremien, Partnern und der Leibniz-Gemeinschaft notwendig sind. Die Vorbereitung der Evaluierung hat mir auch sehr geholfen, die TIB gleich intensiv in vielen Aspekten kennenzulernen. Beeindruckend ist das breite Spektrum an Themen, die wir abdecken. Angefangen von den verschiedenen Fächern über den Bibliotheksbetrieb, Informationskompetenz, Forschungsdatenmanagement, Lizenzverhandlungen, Open Access, Dokumentlieferung, Urheberrecht und viele andere mehr. Diese Vielfalt ist Quelle für Inspiration und Herausforderung für uns zugleich.

Ein Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit ist die Forschung. Sie forschen unter anderem zu den Themen Data Science, Digital Libraries und Open Knowledge. Was können wir uns darunter vorstellen?

Die digitalen Möglichkeiten verändern unsere Lebens- und Arbeitsweise fundamental. Auch wenn das von einem auf den anderen Tag kaum bemerkt wird, sind die Veränderungen von Jahr zu Jahr groß. Wir können Informationen wesentlich gezielter und breiter austauschen, leichter mit anderen zusammenarbeiten, Daten auf Smartphones verarbeiten, wo vor einigen Jahren noch Supercomputer notwendig waren. Mit meiner Forschung möchte ich diese Möglichkeiten für die TIB nutzbar machen. Mit dem Projekt SlideWiki zum Beispiel haben wir mit 15 Partnern aus ganz Europa die Web-Plattform SlideWiki.org entwickelt, auf der Lehrende und Lernende gemeinsam Lernmaterialien erstellen und in verschiedene Sprachen übersetzen können. Ähnlich wie Wikipedia die Zusammenarbeit an enzyklopädischen Artikeln revolutioniert hat, hoffen wir, kann SlideWiki die Zusammenarbeit von Lehrenden und Lernenden an offenen Lehr- und Lernmaterialien fundamental verbessern.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen, denen sich eine Bibliothek wie die TIB heute stellen muss? Und wo sehen Sie die TIB in fünf oder zehn Jahren?

Die größte Herausforderung ist es, die digitalen Möglichkeiten für die Bibliothek stärker nutzbar zu machen, ohne unsere klassischen Dienste und Kunden zu vernachlässigen. Im Zusammenspiel mit Verlagen, Fachorganisationen und Bibliotheken werden sich auch weitere Veränderungen ergeben. Wir müssen da unsere zentrale Stellung behaupten. Ich hoffe, dass die TIB sich in fünf bis zehn Jahren als zentraler Akteur bei der Vernetzung von Informationen aus allen Phasen wissenschaftlicher Arbeit und über Fächergrenzen hinweg etabliert hat. Ich denke, dass meine Forschung zu semantischen Technologien, Linked Data und Wissensgraphen dazu einen wichtigen Beitrag leisten kann.

Zur Person: Prof. Dr. Sören Auer

Seit dem 1. Juli 2017 ist Prof. Dr. Sören Auer neuer Direktor der Technischen Informationsbibliothek (TIB) – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek in Hannover. Gleichzeitig hat er seine Arbeit als Professor für „Data Science & Digital Libraries“ an der TIB und der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik der Leibniz Universität Hannover aufgenommen. Neben seiner Tätigkeit als Direktor leitet der 41-Jährige an der TIB außerdem den Programmbereich Forschung und Entwicklung sowie die Forschungsgruppe „Data Science & Digital Libraries“. Seine Forschungsschwerpunkte an der TIB sind die Themen Data Science, Digital Libraries und Open Knowledge. Beispielsweise forscht er zu Semantic Data, zur Vernetzung von heterogenen und komplexen Datenmengen.

Auer, geboren 1975, leitete vor seiner Tätigkeit als Direktor der TIB die Abteilung „Enterprise Information Systems (EIS)“ am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS und den gleichnamigen Lehrstuhl der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sein Studium der Mathematik und Informatik absolvierte der gebürtige Dresdener in Hagen, Dresden und Ekaterinburg (Russland), seine Promotion im Fach Informatik erfolgte an der Universität Leipzig. Danach folgten Stationen als PostDoc an der University of Pennsylvania (USA) sowie als Leiter der Forschungsgruppe „Agile Knowledge Engineering and Semantic Web“ (AKSW) an der Universität Leipzig.

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