Erstmalig ein Wissenschaftler an der Spitze der TIB

Feierstunde an der Bibliothek: Prof. Dr. Sören Auer offiziell als neuer Direktor begrüßt

Feierstunde im historischen Marstallgebäude der Bibliothek // Foto: TIB/C. Behrens

Mit Prof. Dr. Sören Auer leitet zum ersten Mal ein Wissenschaftler die TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften in Hannover. Seit dem 1. Juli 2017 ist der Informatiker Direktor der TIB. Offiziell wurde er am 18. Oktober 2017 mit einer Feierstunde im Lesesaal Patente und Normen der Bibliothek begrüßt, zu der mehr als 80 Gäste aus Politik, Wissenschaft, Bibliothekswesen und Wirtschaft kamen.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Jens Olf, Leiter Volltextversorgung an der TIB. Ein ganz besonderer Dank ging in der Feierstunde an Dr. Irina Sens, die die Kommissarische Leitung der TIB von Oktober 2016 bis Juni 2017 innehatte. Für musikalische Unterhaltung sorgte das „Lothar Krist Latin Quartett“ mit lateinamerikanischen Klängen.

Mit einem Professor an der Spitze der Bibliothek verstärkt die TIB ihren Fokus im Bereich Forschung und Entwicklung. Als Direktor der TIB will Prof. Dr. Sören Auer die Bibliothek weiter zu einem Informationszentrum für die Digitalisierung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft ausbauen. Mit seinem Start als Direktor hat der Informatiker auch seine Arbeit als Professor für „Data Science & Digital Libraries“ an der TIB und der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik der Leibniz Universität Hannover aufgenommen. Neben seiner Tätigkeit als Direktor leitet Auer an der TIB außerdem den Programmbereich Forschung und Entwicklung sowie die Forschungsgruppe „Data Science & Digital Libraries“. Seine Forschungsschwerpunkte an der TIB sind die Themen Data Science, Digital Libraries und Open Knowledge. Beispielsweise forscht er zu Semantic Data, zur Vernetzung von heterogenen und komplexen Datenmengen.

Bei der Feierstunde nutzten Redner aus Politik, Wissenschaft und Forschung die Gelegenheit, einige Worte an Auer zu richten. Rüdiger Eichel, Abteilungsleiter Forschung und Innovation im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), hob in seinem Grußwort die gute Zusammenarbeit zwischen TIB und Leibniz Universität Hannover hervor, die sich auch in dem gemeinsamen Berufungsverfahren zur Besetzung der Direktorenstelle gezeigt habe. „Viel Erfolg und ein glückliche Hand bei der neuen Aufgabe“, waren Eichels Worte an den neuen Direktor. Wichtig sei dabei eine tragfähige Strategie für die Zukunft der Bibliothek und dass Auer sich der Tradition der TIB bewusst sei.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Universität und Bibliothek

Prof. Dr. Volker Epping, Präsident der Leibniz Universität Hannover // Foto: TIB/C. Behrens

Auch Prof. Dr. Volker Epping, Präsident der Leibniz Universität Hannover, unterstrich die gelebte vertrauensvolle Zusammenarbeit von Universität und Bibliothek auf den verschiedenen Ebenen: bei der Literaturversorgung für die Universität, als Lernraum für die Studierenden vor Ort, als Partner in der Forschung mit den beiden gemeinsamen Professuren von Prof. Dr. Sören Auer und Prof. Dr. Ralph Ewerth, bei der engen Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum L3S sowie bei weiteren Themen, etwa dem Forschungsdatenmanagement.

Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Hesse, Vize-Präsident der Leibniz-Gemeinschaft // Foto: TIB/C. Behrens

„Die TIB greift die Herausforderungen und Chancen des digitalen Wandels auf“, so Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Hesse, Vize-Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Dies zeige sich allein schon bei den zahlreichen Aktivitäten der TIB in der Leibniz-Gemeinschaft. Dort engagiere sich die Bibliothek beim Open-Access-Portal Leibniz Open, beim Publikationsfonds der Leibniz-Gemeinschaft, der inzwischen schon 144 Veröffentlichungen finanziert habe, sowie im Leibniz-Forschungsverbund Science 2.0. „Die TIB stellt Forschungsinfrastrukturen bereit und betreibt eigene Forschung – und mit Auer kommt auch das große Thema Wissensgraphen an die TIB, das ein Forschungsschwerpunkt des Informatikers ist“, so Hesse.

„Für die TIB bedeutet dieser Tag deutliche Zäsur“, sagt Prof. Dr. Wolfram Koch, Geschäftsführer der Gesellschaft Deutscher Chemiker und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der TIB. „Der neue Direktor der TIB ist Professor – damit steht erstmals ein Wissenschaftler am Steuer der TIB und kein Bibliothekar“, fuhr er fort. Mit dieser Veränderung gehe eine stärkere Ausrichtung der auf Forschung einher. Für diesen Schritt wünschte Hesse dem neuen Direktor bestmöglichen Erfolg und eine glückliche Hand.

Uwe Rosemann, ehemaliger Direktor der TIB // Foto: TIB/C. Behrens

Uwe Rosemann, der bis Ende September 2016 Direktor der TIB war, blickte auf 18 Jahre an der Spitze der Bibliothek zurück. In dieser Zeit habe die TIB viele Entwicklungen durchgemacht. „Die zunehmende Digitalisierung ändert auch die Welt auch die Welt der Literatur“, so Rosemann.

Dazu gehörten der strategische Wandel hin zur Forschung genauso wie neue Management-Instrumente oder Marketing. Bei all diesen Veränderungen, die auch in den kommenden Jahren auf die TIB zukämen, sei eins nicht zu vergessen: „Die TIB hat viel zu bieten – und das Wertvollste sind die Menschen, die hier arbeiten“, betonte Rosemann.

Wissensgraphen als neues Forschungsfeld an der TIB

Nicht nur Gäste aus Politik, Wissenschaft und Bibliothekswesen kamen bei der Feierstunde zu Wort, sondern auch Weggefährten von Auer, der vor seiner Tätigkeit als Direktor der TIB die Abteilung „Enterprise Information Systems (EIS)“ am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS und den gleichnamigen Lehrstuhl der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn leitete.

Prof. Dr. Stefan Decker, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT // Foto: TIB/C. Behrens

In seinem Vortrag „Neue Wege des Wissensaustausches: Wissensgraphen“ führte Prof. Dr. Stefan Decker, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT, das Publikum in die Welt der Wissensgraphen, die einen Forschungsschwerpunkt von Auer bilden, ein. Eine Frage, die er dabei aufwarf, war, wie Wissen organisiert wird. Eine Frage, die die Menschen nicht erst in der heutigen Zeit beschäftigt, sondern auch schon zu Gutenbergs Zeiten. Unser Wissen verdoppele sich derzeit alle neun Jahre, erklärte Decker. Aber welche Möglichkeiten gibt es, Wissensaneignung und -organisation computergestützt zu unterstützen? „Wissensgraphen vernetzen Daten und Wissen. Sie bieten als Forschungsgegenstand eine einzigartige Chance für Deutschland, eine Führungsposition bei der kostbarsten Ressource Wissen zu erreichen“, ist Decker überzeugt.

Dr. Sonja Zillner, Corporate Technology bei Siemens, beschäftigte sich in ihrem Vortrag „Daten & Industrie: eine Scheinhochzeit?“ mit dem Wert von Daten für die Industrie: „Wenn Daten semantisch verknüpft sind, haben sie einen hohen Wert für Industrie und Wirtschaft.“ So könnten Daten beispielsweise nicht nur für Überwachung von Maschinen, sondern auch bei der Diagnose und für Vorhersagen eingesetzt werden.

Dr. Sonja Zillner, Corporate Technology bei Siemens // Foto: TIB/C. Behrens

„Sören Auer ist ein Vordenker im Bereich semantische Technologien und Wissensgraphen“, so Zillner, die Bibliotheken und Forschung als Partner von Unternehmen auf dem Gebiet der Datenforschung sieht. Dort sei noch viel zu tun: So verbrächten Data Scientists laut einer Forbes-Studie nur gut ein Fünftel ihrer Arbeitzeit mit der Datenforschung, zu der unter anderem die Weiterentwicklung von Algorithmen gehöre. Den Rest ihrer Zeit – mit einem Anteil von 80 Prozent ist das ein Großteil ihrer Arbeit – machten Aufgaben wie Datensammlung und -bereinigung aus.

Die TIB als Informationszentrum für die Digitalisierung

Nach Grußworten und Vorträgen mit vielen guten Wünschen für seine Tätigkeit an der TIB hatte Prof. Dr. Sören Auer die Gelegenheit, den Gästen seine Forschung und seine Ideen für die TIB als Informationszentrum für die Digitalisierung vorzustellen.

Foto: Prof. Dr. Sören Auer, Direktor der TIB // Foto: TIB/C. Behrens

Seine ersten Wochen in Hannover habe er gut überstanden und sei gut aufgenommen worden – an der TIB, der Leibniz Universität Hannover und am Forschungszentrum L3S. „Wenn ich auch kein ausgebildeter Bibliothekar bin, im Herzen bin ich ein Bibliothekar“, erklärte Auer. Sein Anliegen sei es, Informationen zu organisieren und zu strukturieren. Auf diesem Gebiet könne Deutschland gut mit den USA mithalten, so Auers Überzeugung. Die Digitalisierung sieht er als eine der zukünftigen Herausforderungen der Bibliotheken, die mit vielen Chancen verbunden ist. Neue Möglichkeiten der Wissensorganisation sind Auer zufolge beispielsweise die Maschinenlesbarkeit von Inhalten, die Integration von Metadaten und multimedialen Inhalten.