Im Interview: Thomas Bähr

Die „digitale Artenvielfalt“ und die Datenmengen als große Herausforderungen der digitalen Langzeitarchivierung

Digitale Informationen sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken – dazu gehören digitale Fotos und Videos genauso wie digitale Bibliotheksbestände, elektronische Dissertationen, Forschungsdaten und 3D-Objekte. Dies alles muss gesammelt, zugänglich gemacht und für zukünftige Generationen erhalten werden. Im Interview spricht Thomas Bähr, Leitung Bestandserhaltung und Langzeitarchivierung, über die Aufgaben der digitalen Langzeitarchivierung an der TIB.

Kurz und knapp erklärt: Was ist digitale Langzeitarchivierung und wie funktioniert sie?

„Digitale Veröffentlichungen sind nicht einfach eine andere Darreichungsform desselben, was bis dahin in einem analogen Format vorlag. Das Digitale ist ein neues Tier mit neuen Eigenschaften. Man kann seine geringe Robustheit nur dann als selbstverständlichen Nachteil diskutieren, wenn man auch gern am Vogel bemängelt, dass er unter Wasser so schlecht Luft bekommt“, schreibt Kathrin Passig 2013 auf Zeit Online. In der Langzeitarchivierung (LZA) geht es darum, diese Eigenschaften zu erkennen, zu verstehen und Strategien für das Überleben zu entwickeln. Wir betreiben sozusagen digitale Arterhaltung.

Wo steht die TIB im Bereich Langzeitarchivierung derzeit, was hat sie bereits erreicht, was steht in den kommenden Jahren noch an?

Seit 2012 befinden wir uns mit unserem LZA-System im Produktivbetrieb und haben bis heute einen großen Teil unserer eigenen Bestände archiviert. Dazu kommen noch die Daten unserer beiden Partnerbibliotheken ZB MED und ZBW, mit denen wir unser LZA-System kooperativ betreiben.

Eine der wichtigsten Aufgaben in den nächsten Jahren wird sein, die Langzeitarchivierung als Dienstleistung auszubauen. Es gibt nicht viele Langzeitarchivierungssysteme, die im produktiven Einsatz sind. Auf der anderen Seite gibt es aber einen großen Bedarf an Lösungen, insbesondere bei Institutionen, die Langzeitarchivierung aus Ressourcengründen nicht selbst betreiben wollen oder können. Hier sieht es die TIB als ihre strategische Aufgabe, einen verlässlichen Service anzubieten.

Stichwort Zertifizierungen: 2015 hat die Bibliothek das Siegel Data Seal of Approval (DSA) und Ende 2017 das nestor-Siegel für vertrauenswürdige digitale Langzeitarchive erhalten. Warum sind Zertifizierungen wichtig?

Zertifizierungen sind für uns aus zwei Gründen wichtig. Zum einen bedeutet die Arbeit an den Zertifizierungen, dass wir unsere eigene Arbeit prüfen und dass wir sicherstellen, dass unsere Prozesse und die verwendeten Ressourcen sinnvoll und nachhaltig eingesetzt und dokumentiert werden. Zum anderen schaffen wir mit den Zertifizierungen die notwendige Transparenz nach außen, um die Qualität und die Vertrauenswürdigkeit unseres Langzeitarchivs deutlich zu machen. Dies hilft unter anderem Institutionen, die Interesse an unserem Dienstleistungsangebot haben, sich einen Eindruck von unserem Leistungsumfang zu machen.

Die TIB ist an verschiedenen Projekten beteiligt, für die sie Dienstleistungen im Bereich Langzeitarchivierung erbringt. Welche Projekte sind das und was sind die Aufgaben der TIB?

Momentan arbeiten wir im Fachinformationsdienst (FID) Pharmazie gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Universitätsbibliothek Braunschweig an der Archivierung der Daten des FID. Dies betrifft sowohl digitalisierte Monographien als auch elektronische Zeitschriften. Darüber hinaus arbeiten wir in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt LaZAR mit den Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Slawistik der Universität Jena und der Verbundzentrale des GBV (Gemeinsamer Bibliotheksverbund) in Göttingen an der Archivierung von Feldforschungsdaten aus dem Kaukasus. LaZAR ist eine Webplattform für die Bearbeitung, Publikation und Langzeitarchivierung von regionalwissenschaftlichen Feldforschungsdaten, bei denen es sich hauptsächlich um audiovisuelle Materialien handelt.

Darüber hinaus engagieren sich die Fachleute der TIB mit ihrer Expertise in der LZA-Community – in welchen Netzwerken ist die TIB dort aktiv?

Auf nationaler Ebene arbeiten wir im Kompetenzzentrum nestor in verschiedenen Arbeitsgruppen gemeinsam mit anderen Institutionen an praktischen Fragen der Langzeitarchivierung. Auf europäischer Ebene engagieren wir uns im Directors Board der Open Preservation Foundation und arbeiten an der Pflege und Weiterentwicklung von Tools für die Langzeitarchivierung. Auf internationaler Ebene arbeiten wir als Gutachter für die renommierte LZA-Konferenz iPRES, sind im Review-Bord der National Library of New Zealand und im Steering Committee der Rosetta User Group. Darüber hinaus arbeiten wir mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern an der Weiterentwicklung einer Format Library und an Tools zur Formatidentifizierung.

Welche besonderen Herausforderungen gibt es für die TIB bei der Langzeitarchivierung?

Um noch einmal auf die Metapher vom Anfang zurückzukommen – die besondere Herausforderung ist die digitale Artenvielfalt. Da wir in der Regel keinen Einfluss darauf haben, welche Formate unsere elektronischen Dokumente haben, müssen wir in der Langzeitarchivierung sehr unterschiedliche Erhaltungsstrategien umsetzen. Dies führt aber auch dazu, dass wir sehr viel Know-how entwickeln konnten, was sowohl uns als auch unseren Dienstleistungskunden zugutekommt. Eine weitere Herausforderung sind die Datenmengen. Hier arbeiten wir an neuen Konzepten, um beispielsweise nicht alle Objekte eines Kunden in unserem eigenen System zu speichern, sondern eine Verbindung zwischen seinem Speichersystem und unserer Langzeitarchivierung herzustellen.

Digitale Langzeitarchivierung an der TIB

Die TIB betreibt, hostet und administriert das Langzeitarchivierungssystem und stellt es ihren beiden Partnern ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften zur kooperativen Nutzung zur Verfügung. Zum Einsatz kommt hierfür die Software Rosetta der Firma Ex Libris. In dem digitalen Langzeitarchiv werden die digitalen Dokumente und Metadaten der TIB und ihrer Partner eingespeist und überwacht. Die TIB hat mit ihren Partnern Kooperationsvereinbarungen über die Nutzung und den Betrieb des Langzeitarchivierungssystems getroffen. Mehr

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